Archives for the month of: Mai, 2013

(26.05.13 abruka, estland)
,ruft meine schwester ins telefon. man kann foermlich hoeren, wie ihr die traenen ueber das gesicht laufen. vollkommen ueberrascht begreife ich die situation nicht.
neben mir am steg steht der hafenmeister mit seiner frau. er gab mir sein handy und seine frau fragte mich auf englisch, ob ich eine schwester namens lena haette, sie waere am telefon.
kurz zuvor hoerte ich, wie dieser mit seinem auto aus dem inneren der insel an den hafen raste. ich liege im hafen von abruka, einer kleinen estnischen insel im rigaischen meerbusen.
es ist bedeckt und regnerisch, ich hatte es mir unter deck gemuetlich gemacht, fotos sortiert und den tag genutzt, um kleinere reparaturen durchzufuehren.
und nun erzaehlt mir meine schwester schluchzend, aber mit erleichterung, was passiert ist:
mein satpro-livetracking system sendet ein seenotsignal. ich bin nicht ueber handy und mail erreichbar gewesen, also wurde vom schlimmsten ausgegangen. bremen rescue, die seenotrettung deutschland, war kurz davor, die estnischen kollegen zu benachrichtigen um eine suchaktion zu starten. dieser anruf beim hafenmeister ist der letzte versuch gewesen, danach waer die aktion angelaufen…

das satpro tracking system erfuellt in meinem falle zwei aufgaben. als erstes trackt es meine route alle sechs stunden, so kann man auf der hompage sehen, wo ich mich gerade befinde. die zweite aufgabe, und das ist der eigentliche grund des systems; ich kann im notfall einen knopf druecken, meine position wird dann alle zwei minuten aktualisiert und der bremer schiffsmeldedienst wird alamiert. mit denen ist abgesprochen, im falle eines nicht erreichens die seenotrettungszentrale zu alamieren und diese leiten dann alles weitere in die wege um zu retten… und das ist nun passiert.

und jetzt verstehe ich auch, was hier los ist:
vor drei tagen, gegen zwoelf uhr nachts laufe ich nach fuenfzehn stunden von ventspils, lettland, kommend den hafen von kuressaare, estland, an.
die hafeneinfahrt erstreckt sich ueber fast eineinhalb seemeilen (ca. 3km) durch ein flach. eine schmale rinne von nichtmal acht meter breite ist befahrbar. wie sah nochmal der hafen aus? wo ist fuer die vorherrschende windrichtung ein guter, geschuetzter platz? ich lasche die pinne fest, gehe unter deck, hole das hafenhandbuch. im selben moment knirscht es unter mir. ich sitze fest. mist! die pinnenarretierung hat sich geloest, bin seitlich aufs flach. halb so wild, denke ich, langkieler und lehmboden, passt noch. stimmt auch; nichts passiert ausser das es mir meine marrode motorhalterung etwas zu stark bewegt hat und diese das kabel des livetrackers durchtrennt hat. das kann man reparieren. ich lege den rueckwaertsgang ein und nehme meinen fockausbaumer als stagstange zur hilfe, druecke mein koerpergewicht in die stange und mit den fuessen gleichzeitig das boot nach hinten. es gelingt, ich bin frei. weiter geht’s kurs kuressaare…

zwei tage spaeter auf der insel abruka. staerkere winde aus nordost lassen die derzeitigen tage zum hafentag werden. endlich kann ich mich um den stecker des trackingsystems kuemmern! mit herrn hauser von der firma satpro kontakt aufgenommen, schickt er mir umgehend den belegungsplan fuer den stecker -bietet mir aber auch an, einen neuen stecker zu schicken. dankend lehne ich ab. ich repariere den stecker und freue mich, als das signal auf der hompage den aktuellen standort anzeigt. ich fange an fotos zu sortieren…

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noch am selben abend telefoniere ich mit der seenotrettungszentrale in bremen um zu bestaetigen, dass kein seenotfall vorliegt. freundlich, aber sehr bestimmt werde ich auf die notwendigkeit der erreichbarkeit hingewiesen. es haette nicht so weit kommen muessen.
gleiches gespraech fuere ich auch mit herrn langbein vom bremer schiffsmeldedienst. ich bin froh ueber die professionalitaet der drei involvierten firmen; zukuenftig ueberlasse ich die reparatur in solch sensiblen bereichen profis. die firma satpro schickt mir kostenfrei einen neuen stecker plus kabel… danke! danke an alle beteiligten, dass das so ausgegangen ist, wie es ausgegangen ist!

die tage zuvor…

litauen

kleipeda in sicht… (15.05.13 ankunft kleipeda)
und immer wieder schlafe ich kurz ein. knapp 26 stunden ununterbrochen wachsein fordern nun ihren tribut. ich gleite unmerklich und gegen meinen willen immer wieder in die traumwelt um kurzdanach wieder hochzuschrecken. die sonne scheint, die sicht ist gut. die silouette ist schon von weitem sichtbar und es dauert laut kartenplotter noch ueber drei stunden bis zum wegpunkt vor der mole. geduld.

kleipeda, das alte memel, im kern laesst es die vergangenheit erahnen. ich lasse mich durch die stadt treiben, mache fotos, kann mich nicht konzentrieren, kann trotz muedigkeit nicht schlafen und trotzdem: mit einem gluecksgefuehl spuere ich, wie sich etwas getan hat; ich bin in der reise angekommen…

da liegen sie nun vor uns, echte schweineohren. geraeuchert. man kann noch die abgeflammten haaransaetze erkennen.
wir sitzen in einer urigen kneipe, es spielt livemusik. trinken sueffiges bier und durchstoebern die speisekarte; unter der ueberschrift „beer snack“ werden wir fuendig. pistazien, kaese und -schweineohren. sind das echte? oder nennen sie das nur so? probieren? probieren! bestellt. wir grinsen uns alle an und greifen zoegernd zu. wenn man das hier isst, muss es ja geniessbar sein, denk ich, waerend ich reinbeisse und den knorpel zerkaue. mhhh. den anderen beiden geht’s genauso: der kaese und die pistazien sind als erstes alle…

naechster hafen: liepaja, lettland.

lettland

…pavilosta, ehemals paulshafen. und das sehr ploetzlich:
eine stunde vor ankunft dort steht eine nebelwand auf dem wasser. ich fahre in diese weiche wand hinein. irgendwie unheimlich. geraeusche werden verschluckt. alles wird klamm, die wasserteilchen kondensieren am boot, an den klamotten. nichts geht mehr, keine sicht, kein wind. positionslichter an. motor auf langsamste fahrt gedrosselt, lausche ich ins nichts…
ich nutze einen vorteil der folkeboote: mit nur 1,2m tiefgang gehe ich dicht unter die kueste und halte mich an der zweimeterlinie. hier ist wohl kaum schiffsverkehr zu erwarten. ich navigiere nach dem plotter; was fuer eine unglaubliche erleichterung! aber, nach diesem muss die hafeneinfahrt nun direkt vor mir sein. und hier ist nichts ausser nebel. ich hoere nichts, sehe immernoch nichts obwohl ich dicht unter land bin. und dann zucke ich zusammen: ploetzlich ein gigant von steinmole direkt vor mir. wie kann das so schnell gehen? es bleibt genug zeit auszuweichen und in das fahrwasser des hafens einzulenken. und trotzdem; ich bin erschrocken und erstaund zugleich, wie kurz vor einem diese mole aus dem nebel aufgetaucht ist.

riga. per bus.

(14.05.13 danzig-kleipeda)
18 stunden liegen schon hinter mir. es ist etwa mitternacht. irgendwo dort im dunkeln steuerbord quer ab liegt die russische enklave kalliningrad. ich habe kein visum, muss mich aus deren 12 meilenzone freihalten. seit dem die dunkelheit eingebrochen ist, herrscht flaute. und was fuer eine; nicht ein hauch. ueber mir die sterne, unglaublich viele sterne und sie verdoppeln sich noch in der spiegelglatten see, eine see wie quecksilber. es ist, als wuerde man schweben. unglaublich! lange noch zoegere ich, den aussenborder zu anzuschmeissen. das ist also der toern. der toern, der mir etwas sorge bereitete: 125 seemeilen am stueck, schlafentzug, kaelte, ploetzliche wetteraenderung, koennte man im notfall nach russland?

die tage zuvor

ploetzliche wetteraenderung… (09.05.13 leba-wladyslawowo)
tage zuvor auf der ueberfahrt von leba nach wladyslawowo.
donner, zwar noch aus der ferne, aber donner. oh, man, aus richtung kueste ziehen mit unterschaetzter geschwindigkeit gewitterwolken auf mich zu. da oben passiert was, hier unten flaute. segel sind schon geborgen, der motor laeuft. es wird dunkler. die ersten blitze. donner. 21, 22, 23 zaehle ich dazwischen. ok, etwa ein kilometer. jetzt ist es dunkel. baaaam, donner und blitz gleichzeitigt. und nochmal. baaam. um mich herum gehen die blitze nieder. ich werde immer kleiner hinter der pinne. ich will hier weg, beinahe jeder andere ort waere mir jetzt lieber. schluessel umdrehen und aussteigen geht aber leider nicht. waerend ich die elektrischen verbraucher ausschalte, versuch ich mir noch einzureden, dass holzmasten eine vielleicht nicht so starke anziehungskraft ausueben. ich steuere auf die kueste zu. glaube dort besser geschuetzt zu sein. immernoch kein wind. und, anders als erwartet, keine boen. heftiger regen setzt ein. das wasser sieht aus, als wuerde es kochen. keine sicht mehr. mittlerweile prasseln bis zu daumennagel grosse hagelkoerner auf mich ein. es ist so laut unter der kaputze, ich hoere den donner nicht mehr. oder werden die abstaende zwischen blitz und donner wieder groesser?!

am darauffolgenden toern von wladyslawow nach danzig segel ich dicht unter der kueste. ich mag das, man nimmt das segeln nochmal anders war: verschiedene gerueche, verschiedene landschaften, verschiedene -donner! ich zucke zusammen, drehe mich um. bagger verlegen spuelrohre am strand. eines scheint ihnen von der gabel gerutscht und auf ein weiteres gerollt zu sein. man, denk ich, das erlebniss gewitter von vorgestern hat gesessen.

ganz hinten… (11.05.13 wladyslawowo-danzig)
in der ecke des riesigen industriehafens liegt dann noch die wunderschoene altstadt von danzig. beinahe eine stunde faehrt man von see aus ins landesinnere. spannend, als kleines segelboot so dicht an den riesigen poetten vorbeizugleiten. selbstverstaendlich wurde vorher an der westerplatte der adenauer (fahne deutschland) gedippt. schraeg gegenueber des beruemten krantores liegt die marina, direkt an der altstadt. wunderbar. als ich dort einbiege und an den touristenstroemen vorbeifahre, kann ich mir ein breites grinsen nicht mehr verkneifen; ich bin fotoobjekt und in den gesichtern kann man foermlich lesen: „so ein kleines boot und ganz aus deutschland? ist der etwa auch noch alleine unterwegs? das kann man ja nicht glauben.“ doch leute, es stimmt und es ist klasse!
nun, so ganz alleine bin ich im moment aber auch nicht: daniel und lasse, ich habe sie schon in leba und wladyslawow getroffen, sind auch schon da. sie segeln mit ihrer nordborg 26 die gleiche route. abi fertig und los. klasse, jungs! als ich neben ihnen festmache, steht den beiden das gleiche grinsen ins gesicht geschrieben: das selbe erlebnis.

in danzig mache ich den ersten schiffsausruester seit deutschland ausfindig und der ist auch noch sehr klein. komisch, wo und wie ruesten denn die polen ihre schiffe aus? benoetige noch zwei bloecke und weiteren kleinkram. das einleinenreffsystem mit den zwei reffreihen, die ich mir vor der abfahrt noch ins grosssegel hab nahen lassen, will ich vor der ueberfahrt nach kleipeda unbedingt endlich montieren.

danzig gefaellt, auch wenn sich ausserhalb der altstadt ein gegensaetzliches bild bietet.
wir haben mittlerweile den 13.05. und daniel, lasse und ich beschliessen, morgen den grossen schlag gemeinsam zu machen.
am 14.05. um 5.15 uhr laufen wir richtung kleipeda, litauen, aus…

… der geruch von schwerem torffeuer weht mir von landseite entgegen. ich versuche einer vom dwd ausgegebenen starkwindwarnung vorweg zu segeln; rausche mit sechs knoten der polnischen kueste entgegen. ich mag diesen geruch. er weckt ein gefuehl von geborgenheit und waerme. und waerme ist hier draussen absolut nicht vorhanden. trotzdem, bei blauem himmel und sonne verbrenne ich mir das gesicht auch mit sonnencreme schutzfaktor 50+. was fuer widersprueche; kalt, sonnenbrand, geruch von torffeuer, geruch von sommersonnencreme…

ich freue mich auf ein land, welches ich so gut wie gar nicht kenne. ich freue mich ein stueck familiengeschichte kennenzulernen. erster polnischer hafen: swinemuende. 29.04.13

swinemuende-geplant kolberg 01.05.13
blauer himmel, sonne und 2-3 beaufort. das sagte zumindest der seewetterbericht. halbwindkurs. gennakerkurs. schoen!
aus dem halbenwindkurs wurden spaeter gegenan 3-4 mit kurzer, steiler welle. aus blauem himmel und dem sonnenschein wurde nacht.
dunkel, nass, kalt, muede lasse ich das ziel kolberg fallen. der naechste erreichbare hafen ist ost-deep. dann wird dass also das ziel fuer heute. gut.
in der dunkelheit und in mitten der wellen ist die dimension und beschaffenheit der mole schlecht auszumachen. ich berge die segel im sicheren abstand zur kueste und motore in die vermeintliche flussmuendung. trotz langschaftaussenborder taucht auch dieser bei diesem wellengang immer wieder aus dem wasser und jauelt jedes mal mitleiderregend auf. tut mir leid, aber ich moechte hier jetzt rein. vertraue dem plotter, nehme trotzdem den handscheinwerfer zur hilfe.
drinnen! es wird schlagartig ruhig. im selben augenblick setzt entspannung ein. langsam fahre ich den fluss aufwaerts wo im inneren vor einer bruecke der yachthafen liegen soll. ich lasche die pinne fest und mache das schiff klar zum anlegen.
waerendessen bietet sich mir ein unheimliches bild: niemand ist an den befestigten ufern zu sehen, ok es ist spaet, wir haben es kurz vor zwoelf, das dorf scheint recht klein, aber wieso saeumen bauruinen in denen hinundwieder ein baustrahler gespenstische atmosphaere verbreitet, den weg? und dann gibt’s da noch das die ruinen ueberragende, alte hotel an dem eine billige leuchtreklame mir dessen namen preis gibt: medusa. uhhh.
ist mir jetzt aber auch irgendwie egal. der hafen ist ein reiner fischerreihafen. kein platz, alles voll mit fischerbooten. ins paeckchen legen moechte ich mich nicht; die jungs stehen bestimmt frueh auf…da, doch noch ein platz an der flussseite des hafens. festgemacht. die kueche bleibt kalt, das anlegebierchen ist heute abendbrot genug. zufrieden krabbel ich in den schlafsack, noch zwei decken drueber und schon daemmer ich ein… irgendwo ganz tief in der ferne nehme ich noch das warmlaufenlassen der fischerbootmotoren war…

als ich aufwache ist im hafen schon was los. die fischer sind mit ihrem fang zurueck. gastronomen und ladenbesitzer der umgebung feilschen um die preise. ein kurzer gang durch das treiben ansonsten haelt mich hier nichts. als ich ablege und richtung offene see motore, entpuppen sich die ruinen als rohbauten. eine durch die eu gefoerdete revitalisierung wird hier ein komplett neues touristenzentrum entstehen lassen…

nicht geplanter zwischenstopp kolberg 02.05.13
kurz nachdem ich die segel gesetzt habe, gibt es einen kraeftigen ruck im schiff. mist, was war das?
ich wandere mit dem auge alle sicherheitsrelevanten dinge ab. stehendes gut: ok. laufendes gut: ok. blick in die koje: ok. was war das? und dann faellt mein blick auf den reitbalken. der drahtstropp vom traveller ist gerissen. die pressung hat dem salzwasser nachgegeben. das gross haengt jetzt nur noch an der schot. erstmal kein problem. ich bin froh, das mir das jetzt am tag bei drei beaufort und halbwindurs passiert und denk mir: die gluecksbringer, talismaenner und schutzengel, die mitreisen, sind also auf zack. gut zu wissen!